Checkliste: Verhalten nach einem Unfall

Nach einem Unfall muss zunächst die Unfallstelle abgesichert werden, damit der nachfolgende Verkehr gewarnt ist.
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Es passiert leider oft schneller als gedacht: Es kracht – zwischen Autos, zwischen Auto und LKW oder Motorrad oder auch zwischen einem Kfz und einem Fußgänger oder Radfahrer. Der Schock und die Aufregung sind dann nicht selten groß, gerade wenn es nicht nur zu einem Blechschaden gekommen ist, sondern auch Personen verletzt wurden.

Und trotzdem gilt es einen möglichst kühlen Kopf zu behalten und rund um den Unfall alles „richtig“ zu machen. Einerseits, damit nicht noch mehr passiert (z. B. Sicherung der Unfallstelle), andererseits aber auch, damit man in einem möglichen Gerichtsverfahren später keine Nachteile hat (Beweissicherung etc.).

Aber wie verhält man sich nach einem Unfall richtig? Die zehn wichtigsten Verhaltenstipps für die Minuten nach einem Unfall gibt Rechtsanwältin Sölen Izmirli, Rechtsanwältin für Verkehrsrecht aus Hamburg.

  1. Erstes Gebot: Anhalten

Wenn es gekracht hat, gilt: nicht weiterfahren, anhalten! Nach einem Unfall sind die Unfallbeteiligten verpflichtet anzuhalten, vor allem um den Austausch der persönlichen Daten zu ermöglichen. Das gilt auch schon bei kleinen Unfällen, nicht nur wenn es zu einem schwereren Schaden gekommen ist: Auch wenn man einen Außenspiegel tuschiert hat oder beim Einparken auf den Vorder- oder Hintermann aufgefahren ist, ist das ein „Unfall“.

Achtung! Hält man sich nicht daran, droht ein Strafverfahren wegen Unfallflucht (§ 142 StGB: Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort). Eine Ausnahme gibt es hier nur, wenn z. B. ein Schwerverletzter versorgt werden muss.

  1. Absichern der Unfallstelle

Nach dem Anhalten gilt es, die Unfallstelle abzusichern, um weitere Unfälle zu verhindern. Das gilt vor allem an unübersichtlichen oder unbeleuchteten Unfallstellen, also z. B. in Kurven oder wenn es dunkel oder nebelig ist! Schalten Sie die Warnblinkanlage an, ziehen Sie eine Warnweste über und sichern Sie die Unfallstelle mit einem Warndreieck und ggfs. einer Warnleuchte in ausreichender Entfernung (mind. 100 m auf Landstraßen, 200 m auf Autobahnen) ab.

Achtung! Seit dem 1. Juli 2014 müssen Sie auch in Deutschland eine Warnweste im Auto mitführen. Andernfalls droht ein Bußgeld in Höhe von 15,00 Euro. Eine Pflicht, die Weste zu tragen, gibt es allerdings nicht.

  1. Erste Hilfe

Leisten Sie Erste Hilfe, falls das notwendig ist, weil z. B. eine Person verletzt wurde. Zur Ersten Hilfe bei Unglücksfällen ist jeder, besonders aber jeder Unfallbeteiligte verpflichtet. Das gilt aber nur, wenn die Hilfe erforderlich ist und nach den konkreten Umständen des Einzelfalls zumutbar ist. Sie müssen sich also nicht selbst in Gefahr bringen, um einer anderen Person zu helfen, z. B. wenn ein Fahrzeug brennt und Explosionsgefahr besteht.

Achtung! Helfen Sie nicht, obwohl es Ihnen möglich und zumutbar war, kann das ein Strafverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung (§ 323c StGB) zur Folge haben.

  1. Polizei benachrichtigen – Notruf

Rufen Sie die Polizei über 110 oder den Notarzt über 112. Beide Notrufnummern wählen Sie grundsätzlich ohne Vorwahl – auch vom Handy aus! Wenn Sie eine der Nummern nicht erreichen können, wählen Sie jeweils die andere. Die jeweilige Leitstelle wird Ihren Notruf entgegennehmen und entsprechend weiterleiten. Machen Sie dann Angaben zu den sog. W-Fragen:

  • Wer? (Name und Standort)
  • Wo? (Unfallort)
  • Was? (Schilderung der Unfallfolgen und Verletzungen)
  • Warten auf Rückfragen

Achtung! Es gibt für Verkehrsunfälle keine polizeiliche Meldepflicht! Insbesondere bei Bagatellschäden wird die Polizei nicht kommen. Anders ist das aber in elf Bundesländern bei einem Wildunfall. Hat man einen Unfall mit einem Reh oder z. B. Wildschwein, muss das gemeldet werden – bei der nächsten Polizeidienststelle oder dem Revierinhaber. Nur in Hamburg, Berlin, Bremen, Niedersachsen und NRW gibt es diese Meldepflicht nicht.

  1. Austausch der Personalien

Auch wenn die Polizei die Daten der Unfallbeteiligten aufnimmt: Notieren Sie auch selbst die wichtigsten Daten aller Unfallbeteiligten (Name, Anschrift, Autokennzeichen, Versicherung, Versicherungsscheinnummer). Achten Sie auch auf Personen, die den Unfall beobachtet haben könnten. Sprechen Sie sie an und notieren Sie wenn möglich auch deren Autokennzeichen.

Außerdem müssen Sie am Unfallort bleiben, bis alle Beteiligten alle wichtigen Daten in Bezug auf den Unfall selbst aufnehmen konnten. Besteht ein Unfallbeteiligter auf eine polizeiliche Unfallaufnahme, müssen Sie auch das Eintreffen der Polizei abwarten.

Achtung! Wartet man das Eintreffen der Polizei nicht ab, wenn die Polizei den Unfall aufnehmen soll, vereitelt man damit im Grunde die Feststellung der Daten. Das kann zu einer Strafbarkeit wegen Unerlaubtem Entfernen vom Unfallort („Fahrerflucht“, „Unfallflucht“ § 142 StGB) führen.

  1. „Beweise sichern“

Müssen Sie an einer Unfallstelle warten, z. B. auf die Polizei, und müssen Sie sich nicht um Verletzte kümmern: Sichern Sie „Beweise“ und machen Sie Fotos von der Unfallstelle.

Fotografieren Sie die Standpositionen der Fahrzeuge, der Spuren (Bremsspuren, Karosserieteile, Glassplitter etc.) und auch Schäden an den Fahrzeugen. Wenn Sie selbst kein Foto machen können, bitten Sie gegebenenfalls eine umstehende Person Fotos zu machen.

Achtung! Vergessen Sie das, hat das keine rechtlichen Folgen. Aber diese „Beweisfotos“ können Ihrem Anwalt und damit auch dem Gericht helfen, den Unfallhergang zu rekonstruieren und damit die Rechtslage korrekt zu beurteilen. 

  1. Keine Schuldanerkenntnisse!

Enorm wichtig ist dieser Tipp: Geben Sie gegenüber dem Unfallgegner – und auch gegenüber sonst keiner Person! – keine mündlichen oder schriftlichen Erklärungen ab. Gerade wenn nicht klar ist, wer „Schuld“ am Unfall ist oder wenn Sie selbst den Unfall verursacht haben, sollten Sie auch gegenüber der Polizei nur Angaben zur Person und zur Haftpflichtversicherung machen. Außerdem macht es Sinn, sich selbst den Namen, die Dienststelle und das Aktenzeichen der Polizeibeamten zu notieren – das hilft später ggfs. Ihrem Anwalt.

Achtung! Ein Schuldanerkenntnis – mündlich oder schriftlich – hat zwar rechtlich keine bindende Wirkung – vor allem für die Klärung der Schuldfrage. Aber es wird in der Praxis oft als Indiz gewertet!

  1. Nach der Beweissicherung

Säubern Sie die Unfallstelle. Vergessen Sie nicht Ihr Warndreieck und/oder die Warnleuchte einzupacken.

Informieren Sie Ihre eigene Haftpflichtversicherung über den Unfall. Jeder Versicherungsfall ist dem Versicherer innerhalb einer Woche schriftlich anzuzeigen. Unfälle mit tödlichem Ausgang sogar innerhalb von 48 Stunden.

Achtung! Zeigen Sie einen Unfall nicht rechtzeitig an, ist das eine Obliegenheitsverletzung aus Ihrem Vertrag mit Ihrer Versicherung. Das kann u.U. dazu führen, dass die Versicherung zwar gegenüber dem anderen Unfallbeteiligten eintritt, aber das Geld von Ihnen zurückverlangt!

  1. Der eigene Schaden

Wenn Sie unverschuldet in einen Unfall verwickelt wurden, haben Sie das Recht einen Kfz-Sachverständigen zu beauftragen, der Ihren Schaden begutachtet und feststellt. Nur bei Bagatellschäden unter 750,00 EUR gilt das nicht.

Bei Schmerzen oder anderweitigen Beeinträchtigungen sollten Sie sofort zum Arzt gehen, damit der Arzt die gesundheitlichen Folgen des Unfalls feststellen und dokumentieren kann.

Achtung! Sie können nach einem Unfall möglichweise Schadensersatz (Schäden am Fahrzeug etc.) und eventuell Schmerzensgeld geltend machen, wenn Sie verletzt wurden (z. B. Schleudertrauma) – auch wenn Sie ggfs. ein Mitverschulden am Unfall trifft!

  1. Anwalt zurate ziehen?

Es ist Ihr gutes Recht, nach einem Unfall einen Anwalt mit der Vertretung Ihrer Interessen zu beauftragen. Sie müssen sich nicht darauf einlassen, dass der Unfall z. B. über einen Abschleppunternehmer, eine Werkstatt oder den gegnerischen Versicherer reguliert wird.

Die Kosten für den Rechtsanwalt müssen vom Gegner entsprechend seiner Haftungsquote getragen werden. Die Haftungsquote stellt das Gericht in einem Verfahren z. B. über Schadensersatzforderungen fest.

Achtung! Gehen Sie nicht zu irgendeinem Anwalt! Ein Anwalt, der auf Verkehrsrecht spezialisiert ist, schätzt realistisch ein, welche Schadensersatzansprüche Ihnen zustehen und wie Sie diese durchsetzen können.

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